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Donnerstag, den 05. Januar 2012 um 15:26 Uhr
„Bobby Knight ist ein Basketball-Genie“
Von Michael Will (Foto: Truett Holmes)   


COURT-VISION.DE hat Robert Tomaszek, Center der s.Oliver Baskets, getroffen, um mit ihm über seine Collegezeit bei Trainerlegende Robert “Bobby“ Knight zu sprechen. Knight gilt als einer der erfolgreichsten Trainer in der Geschichte der NCAA. Er gewann 1962 mit Ohio State als Spieler erstmals die NCAA-Championship. Als Trainer holte er mit den Indiana Hoosiers drei weitere College-Meisterschaften.


Nach 29 Jahren in Indiana wurde er im Jahr 2000 entlassen, nachdem er einen Studenten angegriffen haben soll. Bis Februar 2008 setzte der heute 71-Jährige seine Karriere bei der Texas Tech Universität fort. Als erster Trainer überhaupt überschritt er die Marke von 900 Siegen. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles gewann Knight als Trainer der amerikanischen Auswahl, unter anderem mit den Spielern Michael Jordan und Patrick Ewing, die Goldmedaille. 1991 wurde er in die Basketball Hall of Fame aufgenommen. Besonders bekannt wurde der US-Amerikaner aber durch seine cholerischen Wutausbrüche.

Robert, Du hast von 2002 bis 2004 an der Texas Tech University in der NCAA unter Trainer Bobby Knight gespielt. Vielen Leuten hier in Deutschland sagt dieser Name wohl nicht viel, aber in den USA ist er eine absolute Trainerlegende. Inzwischen hat er seine lange Karriere beendet und ist als Moderator zum amerikanischen Sportsender ESPN gewechselt. Kannst Du als ehemaliger Spieler von Bobby Knight kurz erklären, wie er zur Legende wurde?

Robert Tomaszek: „Er ist einfach ein Perfektionist. Bei ihm musste alles im Training, von Anfang bis Ende, perfekt sein. Wenn die Mannschaft alles, was er im Training sehen wollte, in der ersten halben Stunde perfekt machte, dann hatte man auch schon Trainingsschluss. Wenn Dinge aber nicht so funktionierten, wie er es sich vorstellte, trainierte man auch mal vier, fünf oder sechs Stunden. Seine Ahnung vom Basketball, sein technisches Wissen über den Sport, das ist wie bei einem Computer. Er erzählte Geschichten seiner Spieler von vor sieben, acht Jahren. Er weiß ihre Namen, ihre Statistiken, wie viel Spielzeit sie hatten und vieles mehr. Er ist ein Genie, würde ich sagen, ein Basketball-Genie. Seine Erfolge belegen das. Er hat NBA-Stars und Basketball-Legenden trainiert und zu dem gemacht, was sie heute sind. Mike Krzyzewski ist auch ein sehr berühmter und erfolgreicher Coach am Duke College. Er war ursprünglich mal Assistenztrainer bei Bobby Knight. Krzyzewski hat sich neulich erst öffentlich bei ihm für die lehrreichen Jahre bedankt.“

Die Ära von Bobby Knight bei den Indiana Hoosiers, wo er von 1971 bis 2000 Trainer war, endete mit einem Rauswurf. Laut landesweiten US-Medienberichten soll er damals einen Spieler geschlagen haben, der ihm nicht den nötigen Respekt entgegen gebracht hat. War so etwas bei ihm normal?

Robert Tomaszek: „Also ich habe zwei Jahre für ihn gespielt – aber schlagen? Jeder Trainer im College fasste seine Spieler schon einmal hart an, schubste sie herum und so. Aber das ist einfach die notwendige Härte, um das Beste aus den Spielern herauszukitzeln. Bei diesen ganzen Klagen in Amerika ist es dann einfach so, dass einmal ein Spieler dabei ist, der so etwas ausnutzen will und behauptet, der Trainer habe ihn geschlagen. Mit dem Erfolg kommen einfach mehr Feinde als Freunde. Jeder wollte ihn unten sehen. Mich hat er auch einige Male hart angepackt im Kampf um den Sieg. Das muss jeder Spieler einsehen. Wenn er das nicht kann, soll er kein Basketball spielen, sondern Golf.“

Zur berühmt berüchtigten Legende wurde er neben seinen Erfolgen vor allem durch seine emotionalen Ausbrüche...

Robert Tomaszek: „Naja, man muss berücksichtigen, was er für ein Mensch ist. Wenn du als Spieler bei ihm mental schwach warst und seine Spielchen nicht ausgehalten hast, wurdest du schon herunter gedrückt und konntest unter ihm nicht spielen. Wenn man unter ihm spielen wollte, musste man ein großes Selbstvertrauen haben und lernen, aus all dem Negativen das Positive herauszuziehen. Man musste einfach erkennen, wie er die Message an einen herübergebracht hat. Er hatte oft eine sehr aggressive Art und Weise. Eigentlich wollte er aber nur das Beste für seine Spieler. Wenn er einen anschrie, wusste man, dass man noch beliebt bei ihm war. Wenn er dich nicht mehr anschrie, hatte er dich aufgegeben.“

Als Bobby Knight im Jahr 2000 zu Texas Tech kam, war dieses College nicht allzu erfolgreich. Er hat es dann aber sofort mehrere Jahre infolge in die Postseason geführt. Wie schaffte er es, die Mannschaft in kürzester Zeit zu verbessern?

Robert Tomaszek: „Wie schon gesagt, er ist ein Basketball-Genie. Er weiß so viel über Basketball. Ich habe nie mehr einen Trainer erlebt, der so viel Ahnung hat. Er sah im Spiel sofort, was die andere Mannschaft vorhatte. Dann nahm er eine Auszeit und stellte sein Team so um, dass die Maßnahmen des gegnerischen Trainers nichts mehr wert waren. Das war seine Stärke. Er war nicht nur im Training, sondern vor allem im Spiel ein sehr guter Coach. Und dann noch seine Vorbereitung: Wir wussten über die Gegner, die einzelnen Spieler und die Mannschaft wahrscheinlich mehr als sie über sich selbst.“

Auch Du hast zu Deiner Zeit bei Texas Tech zweimal die Postseason erreicht. Dort wart ihr allerdings nicht sehr erfolgreich und seid früh ausgeschieden. Das hat bei einem Perfektionisten wie Bobby Knight bestimmt nicht für Begeisterung gesorgt. Wie hat sich das ausgewirkt?

Robert Tomaszek: „Wir hatten viele Situationen, in denen wir ein Auswärtsspiel knapp verloren haben. Wir nahmen dann den Flieger zurück und mussten teilweise um zwei oder drei Uhr morgens, sobald wir gelandet waren, zum Training in die Halle. Dann gab es zwei Stunden Schlaf und wir mussten wieder zum Training antreten. Da liefen wir bis zur Perfektion. Man durfte bei ihm eigentlich kein Spiel verlieren. Wir waren in meinem letzten Jahr recht gut, waren auf Rang 14 in der gesamten NCAA. Die Trainingseinheiten waren da teilweise ein Witz. Wir staunten sogar selbst. Wir trainierten meist nur 30 Minuten anstatt der üblichen zwei bis vier Stunden. Aber wir hatten ihm gezeigt, was er sehen wollte, und er meinte, das Training sei vorbei, er hätte nichts mehr für uns.“

Und notfalls hat er auch mal einen Stuhl auf das Spielfeld geworfen, wenn es nicht so lief?

Robert Tomaszek: „Wenn man so ein Perfektionist ist und einfach nur gewinnen will, wenn man so ehrgeizig ist, dann passiert so etwas einfach ab und zu. Das geht aber jedem so, dass man die Nerven verliert, Spielern wie Trainern. Aber weil Bobby Knight so erfolgreich war, haben sich die Leute auf ihn konzentriert und nur auf solche Ausraster gewartet. Bei ihm wurde da immer gleich ein Riesending daraus gemacht. Aber andere Trainer waren auch so.“

Hatte er irgendwelche außergewöhnlichen Trainingsmethoden, die ihn von anderen Trainern unterschieden?

Robert Tomaszek: „Er schaute sich einfach seine Spieler an und ordnete sie dann entsprechend ein. Bei mir zum Beispiel meinte er sofort, dass ich in drei Monaten etwa zwölf Kilogramm Muskeln aufbauen müsse. Dazu würde er mich schneller machen und meine Sprungkraft verbessern. Ich hatte dann meinen eigenen Individualtrainer, mit dem ich sechsmal in der Woche Krafttraining machte. Ich wurde ein richtiges Monster. Ich erinnere mich noch, als ich zurück nach Europa kam, meinten die Trainer hier, ich solle kein Basketball spielen, sondern Football. Denn zu dieser Zeit hatte ich fünf Prozent Körperfett und wog um die 126 Kilo. Das war schon eine ziemliche Masse. Jeder Spieler hatte am College seinen individuellen Tagesablauf. Man hatte morgens Training, ging dann zur Schule, hatte eine Stunde Pause und ging wieder in die Halle zum Werfen. Dort hatten sie Wurfmaschinen, die für einen reboundeten und einem den Ball wieder entgegen spuckten. So nahm man in der Stunde 500 bis 1.000 Schüsse, bis der Arm weh tat. Anschließend gab es ein schnelles Essen und es ging wieder in die Schule. Nachmittags blieb kurz Zeit, um die Hausaufgaben zu erledigen, dann war das nächste Training. Das war schon sehr professionell. Diesen Zeitplan musste jeder Spieler einhalten.“

Das klingt nach einem sehr harten Tagesablauf. Trotzdem hört man bei Dir aber heraus, dass Du diese Zeit wohl nicht bereust?

Robert Tomaszek: „Viele Menschen, auch in Amerika, haben mich damals bewundert, wie ich das geschafft habe. Die konnten es nicht glauben, denn man hörte so vieles über das harte Training bei Bobby Knight. Und es war wirklich sehr hart. Wenn ich das heute in meinem Alter noch einmal machen sollte, würde ich sagen: Nein, danke! Das würde mein Körper auch nicht mehr aushalten. Aber wenn man jung ist, frisch, gesund, dann kann man so viel aus seinem Körper herausholen. Man glaubt selbst nicht, dass man so hart trainieren kann, bis jemand kommt und einen so pusht wie er es tat. Das war eigentlich auch eine sehr schöne Lehre für mich, meine Grenzen kennenzulernen. Auch für die Zukunft.“

Und im Training selbst, ist es da auch so hart zugegangen?


Robert Tomaszek: „Jeder Spieler war irgendwann einmal im 'Doghouse'. 'Doghouse' nannte sich die Zeit, in der keiner ein richtiges Leben führen konnte, weil der Trainer jeden Schritt verfolgte. Mich persönlich hat Bobby Knight viermal aus Trainingseinheiten rausgeschmissen, dabei hatte ich gar nichts gemacht. Das geschah einfach nur, damit er sah, ob du psychisch belastbar warst oder nicht. Mit dem 'Doghouse' stellte er fest, ob er in belastenden und emotionalen Situationen, wie beispielsweise Verlängerungen oder in knappen Spielen, auf seine Spieler zählen konnte. Das war keine schöne Zeit, aber da musste jeder Spieler durch. Ich sah mehrfach, wie sich Spieler einfach hinsetzten und anfingen zu heulen, weil sie es psychisch nicht mehr schafften. Viele von diesen Spielern sah man danach nie wieder beim Training. Wie ich schon sagte, man musste sich aus diesen negativen Erlebnissen das Positive herausfiltern und sich dadurch motivieren. Sonst überlebte man bei Knight nicht.“

Klingt als hätte er seine Spieler damit härter machen wollen?

Robert Tomaszek: „Er bereitete jeden seiner Spieler für das Leben vor. Er meinte, Basketball sei nur ein kleiner Schritt, den man im Leben machte. Manche machen Basketball zu ihrem Leben, viele aber auch nicht. Viele Spieler spielen College-Basketball, um ein Stipendium für das Studium zu bekommen. Danach werden sie Arzt oder etwas anderes. Bobby Knight war ein Trainer, der sehr viel Wert auf das Studium legte, damit jeder Spieler zu seinem Abschluss kam. Wenn die Noten nicht gut genug waren, war es egal, ob du ein guter Spieler warst. Selbst die Leistungsträger der Mannschaft durften dann nicht spielen. Er brachte jedem Spieler den gleichen Respekt entgegen und jeder hatte die Möglichkeit, sich seine Minuten zu erarbeiten. Wenn man hart trainierte, bekam man auch seine Chance im Spiel. Das fehlt in Europa leider meistens.“

Du hast inzwischen schon in vielen Ländern Basketball gespielt. Du warst in der Tschechischen Republik, in der Ukraine, in Polen und in Deutschland aktiv. In diesen Ländern hast Du viele unterschiedliche Trainer erlebt. Was unterscheidet Bobby Knight von Deinen übrigen Trainern?

Robert Tomaszek: „Er war ein Coach, bei dem man vom ersten bis zum letzten Tag immer dazugelernt hat. Und das ist etwas, was die europäischen Trainer nicht mehr tun und wahrscheinlich auch nicht mehr tun müssen. Man verpflichtet einfach die fertigen Spieler, die ins System passen. Jeder Trainer hier sucht sich die Spieler so zusammen wie er sie braucht und muss deshalb nicht mehr so viel mit ihnen arbeiten. Wenn man dann gute Spieler hat, die auch ein bisschen denken können, dann ist der Erfolg vorprogrammiert. Das ist im College-Basketball ganz anders. Das sind junge Spieler zwischen 19 und 24 Jahren. Denen muss man einfach noch viel beibringen. Auch auf dem Spielfeld, wie man die Defense liest und so weiter. Und da hatte Bobby Knight einfach mehr Ahnung als die anderen Trainer, deshalb war er ihnen überlegen.“

Wie muss man sich abschließend den Menschen Bobby Knight außerhalb seines Trainer-Daseins vorstellen?


Robert Tomaszek: „Bobby Knight ist ein sehr ruhiger und witziger Mensch, wenn man ihn richtig kennenlernt. Die Leute haben von ihm immer nur gesehen, was die Medien ihnen vorgaben. Aber er hat ein sehr großes Herz und setzt sich für seine Spieler ein. Wenn ein Spieler ein Problem hatte, egal welches, stand er hinter ihm und hat ihm geholfen, so gut er konnte. Wenn man etwas brauchte, zum Beispiel einen Job oder was auch immer, hat er das mit seinen Beziehungen sofort klar gemacht. Ich habe noch immer Kontakt zu ihm. Jedes Mal sagt er, wenn ich was bräuchte, solle ich mich in den Flieger setzen und zu ihm kommen. So etwas sieht man nicht alle Tage. Nur sehr wenige Leute wissen, was er eigentlich für ein Mensch ist. Er gibt alles, deshalb verlangt er eben auch 100-prozentigen Einsatz von seinen Spielern. Ab und zu vor dem Training lud er mich zum Jagen ein. Er liebt Jagen und Fischen, das sind seine Hobbys. Leute, die ihn vor sich sehen, bekommen schon viel Respekt. Er ist nur 1,80 Meter groß, wiegt aber 110 Kilo. Er ist schon älter, hat aber sehr viel Kraft. Eigentlich ist er sehr lustig. Aber man weiß nie so genau, wann er Spaß macht und wann nicht.“

Youtube-Video: Bobby Knight wirft einen Stuhl aufs Spielfeld