Banner
Donnerstag, den 26. August 2010 um 14:58 Uhr
WM-Vorschau Gruppe D: Klare Rollenverteilung
Von Marcos Garcia   
Spanien ist als Titelverteidiger und Silbermedaillengewinner von Peking 2008 in der Gruppe D der klare Favorit. Als Herausforderer kristallisieren sich Frankreich und Litauen heraus, welche das Achtelfinale problemlos erreichen sollten. Die Underdogs aus Kanada und Neuseeland dürften den vierten Gruppenplatz unter sich ausmachen, während der unbekannte Libanon zum unangenehmen Stolperstein werden könnte.

Spanien: Nur die Goldmedaille zählt

Auch ohne ihren Lakers-Superstar Pau Gasol gibt es für die Spanier nur ein klares Ziel: den Titel. Als amtierender Welt- und Europameister kann nur die Goldmedaille den Ansprüchen des Teams des italienischen Coaches Sergio Scariolo genügen. In der Vorbereitung glänzte die ‚Selección‘ und gewann acht ihrer neun Freundschaftsspiele, wobei sie im letzten Spiel gegen das Team USA in Madrid nur gerade mit einem Punkt (85:86) verlor und einmal mehr unterstrich, dass sie auf der Höhe der NBA-Stars ist.

Ohne Pau Gasol ist der Kapitän Juan Carlos Navarro der Anführer des Teams. Der Superstar des FC Barcelona erreicht gerade in großen Begegnungen, wie er zuletzt gegen die USA mit 20 Punkten zeigte, sein volles Potential. Unterstützt wird er von Marc Gasol (Memphis Grizzlies), Rudy Fernández (Portland Trail Blazers) und dem Jung-Star Ricky Rubio (Regal FC Barcelona). Der Center der Memphis Grizzlies hat in der vergangenen NBA-Saison einen großen Schritt nach vorne gemacht und überzeugt durch seine Vielseitigkeit, die neben einer guten Punkte- und Rebound-Ausbeute auch exzellente Passfähigkeiten enthält. Rubio, dessen Rechte immer noch die Minnesota Timberwolves besitzen, wird nach der Verletzung von José Calderón – der Spielmacher der Toronto Raptors verletzte sich im letzten Vorbereitungsspiel gegen die Amerikaner und wird durch Raúl López (BC Khimki) ersetzt – das Spiel der „Roja“ leiten und sicherlich zu den meist beobachteten Spielern des Turniers zählen.

Es sind aber nicht nur die Stars, sondern auch die Tiefe der Bank von Scariolo mit Klassespielern wie Sergio Llull, Jorge Garbajosa (beide Real Madrid), Fran Vázquez (Barcelona), Victor Claver (Valencia Basket) oder Fernando San Emeterio (Caja Laboral; MVP der vergangenen Finals der spanischen ACB-Liga), welche es für Spanien zur Pflicht machen, das oberste Treppchen auf dem Podest anzuvisieren.

Frankreich: Klassespielern, ohne klare Teamstruktur

Keine Frage, die „Tricolore“ vermisst mit Mickael Pietrus (Orlando Magic), Tony Parker (San Antonio Spurs) und Joakim Noah (Chicago Bulls) ihre drei besten Spieler. Dennoch sind mit Nicolas Batum (Portland Trail Blazers) und Boris Diaw (Charlotte Bobcats) zwei sehr gute NBA-Spieler im Kader, welche auch die Leistung der Franzosen entscheidend beeinflussen. Mit dem Teamkollegen von Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavericks Ian Mahinmi steht ein weiterer Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga im Kader von Vincent Collet.

Neben den Profis aus Übersee kann der französische Nationaltrainer mit Nando de Colo und Florent Pietrus (beide Valencia Basket), Alain Koffi (DKV Joventut) und Ali Traore (Virtus Roma) auf weitere Legionäre zurückgreifen, die in der spanischen und italienischen Liga auf höchstem Niveau agieren. Pietrus ist ein solider Center mit langjähriger Erfahrung auf europäischem Topniveau, während der junge Spielmacher De Colo beim amtierenden ULEB Eurocup-Gewinner Valencia, das im Finale Alba Berlin bezwang, bereits mehrfach seine Klasse unter Beweis stellen konnte.

Trotz der individuellen Klasse der „Bleus“ ließen diese in vergangenen Turnieren oft die Eingespieltheit als Mannschaft vermissen und agierten oft zu individualistisch. Um heutzutage im Weltbasketball auf Topniveau mithalten zu können, ist das einfach zu wenig. Deswegen ist die Achtelfinalqualifikation für Frankreich Pflicht, eine Medaille scheint angesichts der Konkurrenz jedoch eher Stoff für Träume zu sein.

Litauen: Eine Basketballmacht im Neuaufbau

Wenn man auf den Kader der Mannschaft aus der Baltenrepublik schaut, fällt auf, dass ihre zwei besten Spieler fehlen: Sarunas Jasikevicius (Panathinaikos Athen) und Ramunas Siskauskas (CSKA Moskau) haben es aus Altersgründen vorgezogen, sich in diesem Sommer für die neue Saison zu schonen. Somit fällt die Führungsrolle im Team von Coach Kestutis Kemzura auf Linas Kleiza, den vielseitigen Power Forward, der in der vergangenen Saison die Europaliga mit Olympiakos Piräus unter den Körben dominierte und in der nächsten Spielzeit für die Toronto Raptors auf Korbjagd gehen wird.

Da mit den Lavrinovic-Brüdern auch die zwei etatmäßigen Center Litauens ihre Teilnahme abgesagt haben, kommen mit dem 2,18-Meter-Riesen Martynas Andriuskevicius (Meridiano Alicante) und Paulius Jankunas (Zalguiris Kaunas) zwei junge und vielversprechende Brettspieler zu ihrem Debüt bei einem großen Turnier mit der Nationalmannschaft. Litauen hat sich stets durch hervorragende Distanzschützen ausgezeichnet. Diese fehlen auch in diesem Kader nicht, dafür sorgen Simas Jasaitis (Galatasaray Istanbul) und Martynas Gecevecius (Zalgiris Kaunas). Ein Schwachpunkt der Litauer ist jedoch die Position des Point Guards, welche wohl größtenteils vom jungen Mantas Kalnietis (Zalgiris Kaunas) eingenommen werden dürfte.

Die Vorbereitung der Litauer war insgesamt durchwachsen. Es gab klare Niederlagen gegen die Topfavoriten Spanien und USA, während man beim BEKO Cup in Bamberg Deutschland und Kroatien relativ souverän sowie den WM-Gastgeber aus der Türkei mit viel Mühe nach Verlängerung besiegen konnte. Das Minimalziel ist das Erreichen der K.O.-Phase. Dort dürfte dann je nach Gegner allerdings relativ früh Schluss sein. Für ein Land mit so viel Basketballtradition dürfte dies wohl zu wenig sein.

Kanada: Der Unberechenbare

Natürlich hätten viele Steve Nash gerne in der Türkei gesehen, doch auch ohne den Superstar der Phoenix Suns können die Kanadier mit einigen interessanten Spielern aufwarten. In der Vorbereitung überzeugte insbesondere Andy Rautins, Spieler der New York Knicks und Sohn des Trainers Leo Rautins. Mit Joel Anthony (Miami Heat) steht ein weiterer gestandener NBA-Profi in den Reihen der Nordamerikaner.

Ansonsten scheint das Team eine Ansammlung von Weltenbummlern, mit Spielern die u.a. in den Ligen Russlands, Finnlands, Frankreichs oder den Philippinen agieren. Dazu kommen mit Robert Sacre und Kelly Olynk (beide Gonzaga College) zwei vielversprechende Talente aus der NCAA. Auch zwei Spieler aus der zweiten Basketball-Bundesliga sind im Kader: Jevohn Shepherd (Osnabrück) und Tyler Kepkay (Essen).

Aus der Vorbereitung der Kanadier lassen sich keine großen Schlüsse auf das Potential der Mannschaft schließen. So gab es zuletzt beim Vorbereitungsturnier in Griechenland zuerst eine blamable 123:49-Klatsche gegen den Gastgeber, bevor man am Tag darauf den Vize-Europameister Serbien mit 62:58 schlagen konnte. Obwohl der kanadische Basketball in Europa kaum wahrgenommen wird, sollte man diese unberechenbare Mannschaft nicht unterschätzen. Die Achtelfinalqualifikation wäre dennoch bereits ein Erfolg für die Rot-Weißen.

Neuseeland: Spektakel und Einsatz garantiert

Die „Tall Blacks“ werden in der europäischen Basketballszene kaum wahrgenommen. Vielen entgeht dabei allerdings, dass die „Kiwis“ vor acht Jahren in Indianapolis den sensationellen vierten Platz belegten, als sie im Spiel um Platz drei gegen Deutschland unterlagen. Bereits damals zeigten die Neuseeländer, wo ihre Qualitäten liegen: Mangelnde individuelle Klasse kompensieren sie durch eine eiserne Härte, Disziplin und großen Zusammenhalt des Teams.

Aus dem Zwölf-Mann-Kader von Coach Nenad Vucinic dürften den meisten wohl nur die 36-jährigen Haudegen Pero Cameron (Gold Coast Blaze, AUS), der beim Erfolg an der WM 2002 einer der Schlüsselspieler war, und Phillip Jones vom italienischen Erstligist Cantù ein Begriff sein.

Obwohl Neuseeland ein unbeschriebenes Blatt bleibt, so sind sie aufgrund ihres ganz eigenen Basketballstils und natürlich wegen des weltberühmten „Haka“-Tanzes vor Beginn der Partien zweifelsohne eine Bereicherung für dieses Turnier. In der Vorbereitung haben sie sich stets als unangenehmer Gegner erwiesen: Serbien oder die Türkei hatten große Mühe, die „Kiwis“ zu bezwingen, während Russland in Zadar gar besiegt werden konnte. Ein Exploit wie 2002 ist ihnen dieses Mal jedoch kaum zuzutrauen. Bereits das Überstehen der Gruppenphase wäre ein toller Erfolg.

Libanon: Der Unbekannte

Über Neuseeland weiß man wenig, über die Nationalmannschaft des Libanons ist so gut wie gar nichts bekannt, außer dass das Team aus dem Mittleren Osten bereits zum dritten Mal in Folge an einer Weltmeisterschaft teilnimmt und 2001, 2005, 2007 Zweiter im Asiatischen Kontinentalturnier wurde. Libanon erreichte die WM genauso wie Deutschland, Litauen und Russland dank einer der vier durch die FIBA vergebenen Wildcards.

Im Kader des amerikanischen Coaches Tab Baldwin stechen zwei eingebürgerte amerikanische Spieler heraus: Forward Matt Freije (Mets de Guaynabo, PUR) und Jackson Vroman (Mahram, IR). Ein weiterer Spieler der insbesondere NCAA-Fans bekannt sein könnte, ist der 2,06-Meter-Center Ali Kanaan, der für die University of Massachusetts auf Korbjagd geht.

In der Vorbereitung gewannen die Libanesen ein Turnier in Beirut, unterlagen aber zuletzt bei einem Vorbereitungsturnier den zwei Mitfavoriten Argentinien und Türkei, obwohl sie sich teuer verkauften. Für die Mannschaft vom östlichen Mittelmeer geht es in erster Linie darum, Erfahrung zu sammeln und um den Versuch, einen Achtungserfolg zu landen.

Crossover-Tipp: Spanien sollte die Gruppe souverän für sich entscheiden. Frankreich und Litauen werden sich um die folgenden Plätze streiten, während Kanada, Neuseeland und vielleicht sogar das unbekannte Libanon den vierten Gruppenplatz unter sich ausmachen werden.